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Mainzer Allgemeine Zeitung vom 21.09.2015

Mainz: 135 Flüchtlinge treffen am frühen Sonntagmorgen an der Turnhalle in Drais ein

Von Maike Hessedenz und Michael Bermeitinger

MAINZ - Hussein ist einfach nur glücklich. Nach 15 Tagen auf der Flucht hat er seine Familie wohlbehalten nach Deutschland gebracht: seine Frau Hanan, die vierjährige Fatimah und den zwei Jahre jüngeren Musa. Von Bagdad ging es über die Türkei, die Ägäis und die Balkanroute bis Mainz, jetzt fehlt nur noch ein kleines Stück bis zum Ziel: Bis Sonntagabend wollen sie in Essen sein, dort wartet ein Freund. Und endlich Ruhe und Frieden.

Die irakische Familie gehört zu den 133 Flüchtlingen, die am frühen Sonntagmorgen in Drais eingetroffen sind. Die Vorlaufzeit für die Stadt war extrem kurz, erst am frühen Nachmittag ging der Hilferuf der ADD ein: Das Land bat die Stadt, kurzfristig für etwa 48 Stunden geschätzte 150 Flüchtlinge aufzunehmen, und schon um 16 Uhr trat der Verwaltungsstab zusammen. Man einigte sich rasch auf die Draiser Sporthalle als Unterkunft. „Die Ortsrandlage ist ideal“, so OB Michael Ebling.

Um 3.30 Uhr biegen schließlich drei Busse in den Weg zur Halle ein. In ihnen sitzen 132 Menschen, von denen jeder seine eigene Odyssee auf hinter sich hat. Einige lachen, als sie aussteigen, winken den Journalisten und Helfern zu, andere sind in Decken gewickelt, wirken, als wollten sie niemanden hören und sehen. Väter tragen ihre schlafenden Kinder Richtung Turnhalle. Viel Gepäck hat keiner. Manche haben nicht mehr als eine Plastiktüte voll mit ihren Habseligkeiten dabei. Ein kleiner Junge trägt stolz seinen Fußball aus dem Bus. Um 3.50 Uhr sind die Busse leer, die Menschen in der Halle verschwunden.

Dort ist alles bereit: 150 Feldbetten, die das Technische Hilfswerk gestellt hat, stehen in drei Reihen, dazu gibt es Zelte in der Halle, um den Familien einen geschützten Bereich bieten zu können. Für jeden einzelnen gibt es eine Willkommenstüte. Zahnbürste, Zahnpasta, ein Handtuch, Hygieneartikel, aber auch etwas Süßes und Saft haben die Helfer in nächtlicher Akkordarbeit in die Stofftaschen gepackt. Palettenweise Wasserkisten sind im Flur aufgetürmt, zwischen den Turnmatten stapelt sich das Toilettenpapier. Toiletten und Duschen sind auf Arabisch beschriftet, auch Dolmetscher sind da.

Viele Helfer vor Ort

Die Stadt sieht sich erstmals mit einer solchen Herausforderung konfrontiert. Doch es sei alles sehr schnell gelaufen, so Markus Biagioni, städtischer Pressesprecher, rund 75 Helfer von Katastrophenschutz, Feuerwehr, Arbeiter-Samariter-Bund, Deutschem Roten Kreuz, Johannitern und Maltesern waren bald vor Ort. Sie stellen Betten auf, verteilen Decken, berichtet Milton Scheeder vom ASB, Organisationsleiter der Aktion. Ein Caterer sorgt für die Verpflegung, um die Betreuung der Menschen kümmern sich die Malteser, die Kosten, die der Stadt entstehen, trägt das Land.
Komfortabel sehen sie nicht aus, die dreistöckigen Feldbetten mit Papierauflage, Wolldecke und kleinem Kissen. Für viele der Menschen ist es aber eine erste Ankunft in Europa.

In der Nacht werden nur kurz Name und Herkunft notiert, registriert werden sie nicht. Unter den Angekommenen sind zehn Familien mit 18 Kindern unter 18 Jahren, vier kamen erstmals ins Krankenhaus, drei werden stationär aufgenommen. „Die Menschen kommen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Bangladesh, Iran und Irak“, sagt Behrouz Asadi, der im wahrsten Sinne des Wortes unermüdliche Migrationsbeauftragte der Malteser.

Erst in der Nacht zuvor hat er in Bad Kreuznach geholfen, Flüchtlinge aufzunehmen. „Ich habe eine halbe Stunde geschlafen“, meinte er, und wirkt dabei durchaus munter und gut gelaunt - genauso wie die zahlreichen meist ehrenamtlichen Helfer. Viel mehr Schlaf bekamen sie in der Nacht auf Sonntag auch nicht – wenn überhaupt.

„Der Bundesinnenminister ist ein Totalausfall“

Oberbürgermeister Michael Ebling ist beeindruckt, als er sich Sonntagfrüh ein Bild der Lage macht. Er ist froh, dass alles so gut geklappt hat, wenn er auch anmerkt, dass die Kommunen schon vor eineinhalb Jahren darauf hingewiesen hätten, dass die Erstaufnahmeeinrichtungen zu klein sind und solche Situationen drohen. Was die Hilfe vom Bund angeht, ist er verärgert: „Der Bundesinnenminister ist ein Totalausfall.“

Umso mehr freut er sich über die Hilfsbereitschaft der Bürger. Schon am Morgen fragen dann die erster Draiser, wie sie die Flüchtlinge unterstützen können. Ute Wittelsberger schaut mit Sohn Lukas vorbei, weil sie daheim noch Kinderkleidung übrig haben. Schnell erfährt sie, dass für fünf Kinder zwischen drei und vier Jahren noch etwas gebraucht wird, und da kann sie beitragen: „Ich wollte die Sachen eigentlich zu einem Basar bringen, aber es ist ja viel schöner, wenn man hier direkt helfen kann.“

Viele reisen weiter

Die Aktion in Drais ist auf 48 Stunden angelegt, doch schon am späten Sonntagvormittag haben sich rund 60 Flüchtlinge wieder abgemeldet, werden zum Bahnhof gebracht oder machen sich zu Fuß auf den Weg. „Nach Finnland wollen einige, andere nach Belgien“, weiß Asadi, dort, wo sie Familie oder Freunde haben.

So wie Hussein und seine Familie, die nach Essen wollen. Sie warten darauf, irgendwie zum Bahnhof zu kommen, wirken nach zwei Wochen auf der Flucht jetzt aber entspannt, zufrieden. Fatima knuddelt dauernd mit ihren Stofftiger, den ihr jemand in München in die Hand gedrückt hat, Musa kickt ein bisschen mit einem Ball. Ruhe, Frieden ist das, was Hussein sich für seine Familie erhofft, und dann will der Elektriker bald Arbeit finden. Er kann sich nicht vorstellen, nochmals in den Irak zurück zu gehen. Er will nicht, dass Musa und Fatima in dem nach wie vor von Krieg und Terror erschütterten Land aufwachsen: „Germany is our life“ - „Deutschland ist unser Leben“.