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AZ vom 02.11.2015 - Mainz: „Nur das, was sie auf der Haut tragen“ - Flüchtlinge haben bei der Ankunft oft nichts bei sich

Von Michael Bermeitinger MAINZ - Wer diese Szenerie auf dem Layenhof beobachtet, der möchte nie wieder daheim vorm Kleiderschrank behaupten, er hätte nichts anzuziehen: Denn die Flüchtlinge, die Montagfrüh in der neuen Aufnahmeeinrichtung an der Kleiderkammer der IG Layenhof anstehen, die haben wirklich nichts. „Nur das, was sie auf der Haut tragen – und das ist oft sehr dünn“, sagt Heike Beck von der IG

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Foto: ASB RP/K.Dingebauer

Und manchmal fehlt es selbst am Allernötigsten: Ein Mann hat ein Töchterchen, vielleicht eineinhalb Jahre alt, auf dem Arm, dessen Füßchen nackt der der feuchtkalten Nebelluft ausgesetzt sind, während ein größeres Mädchen strumpflos in drei, vier Nummern zu großen Schuhen mit Keilabsätzen zwischen den Containern herumläuft. Beiden wird aber geholfen werden, denn die Ehrenamtlichen in der Kleiderkammer arbeiten praktisch im Akkord, damit alle Flüchtlinge schnellstens warme Kleidung bekommen.

Klar, dass Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei ihrem Besuch der neuen Außenstelle der Ingelheimer Landesaufnahmeeinrichtung die Bewohner des Layenhofs und deren Engagement für die Flüchtlinge sehr lobt. Betrieben wird das Containerdorf am Finther Flugplatz vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), für dessen Mitarbeiter Malu Dreyer ebenfalls herzliche Worte findet: „Ihnen kann man gar nicht genug danken.“

Mehrsprachigkeit ist gefragt

Denn auch den Haupt- und Ehrenamtlichen verlangt der ständige Zustrom der Flüchtlinge Einiges ab: Oft sind sie in ganz anderen Bereichen des ASB tätig, werden gerufen, wenn eine Einrichtung aufgebaut oder erweitert werden muss: Hahn, Meisenheim, Ingelheim und nun Layenhof...

Yasin Yildiz etwa vom Kreisverband Bad Kreuznach ist normalerweise dort für die Koordination der Erste-Hilfe-Ausbildung zuständig. Durch seine Vielsprachigkeit – Deutsch, Englisch, Türkisch und mittlerweile etwas Arabisch – ist er in den Einrichtungen ein wichtiger Ansprechpartner für die Flüchtlinge.

Spielcontainer kommt noch

Auch der ASB-Landesbeauftragte für die Flüchtlingserstaufnahme, Jan Kammerer, hat beim Kreuznacher Kreisverband in ruhigen Zeiten andere Aufgaben, nun managt er den Layenhof. Kammerer zeigt der Ministerpräsidentin das Areal, über dessen Schotterwege ein paar Kinder toben. Aber noch ist es ruhig hier, denn die meisten Container stehen noch leer. Bis zu 750 Menschen sollen hier Platz finden, hundert sind seit Sonntag eingezogen. Nun sollen täglich 50 hinzukommen. Vielleicht werden es auch mehr, vielleicht weniger, aber so genau lässt sich das in der aktuellen Situation nicht voraus planen.

Manches dauert länger, manches kommt aber schneller als gedacht – ein Grund, warum das Containerdorf noch nicht zu hundert Prozent fertig ist. Die Spiel- und Schulcontainer kommen erst im Laufe der Woche, an der Außenbeleuchtung wird noch gearbeitet – aber halb so wild. So hat das THW unbürokratisch schnell drei sogenannte Power Moons installiert, riesige Beleuchtungskörper, die wie Ballons überm Gelände schweben und mit 1.000 beziehungsweise zwei mal 1.000 Watt nachts die Wege strahlend hell erleuchten.

Dreyer über Berliner Streit verärgert

Malu Dreyer war beeindruckt von der Aufbauleistung auf dem Layenhof – und zeigte sich vor dem Hintergrund dieser Fleißarbeit verärgert über die Streitereien in der Berliner Koalition, insbesondere über die Christsozialen. „Da geht es doch nur um Scheinlösungen zur Gesichtswahrung“, sagt sie zum CSU-Vorstoß für Transitzonen, die sie für völlig unpraktikabel hält: „Man kann Menschen nicht zu Tausenden an einer Stelle festhalten – das ist organisierter Freiheitsentzug.“

Viel sinnvoller sei die dezentrale Aufnahme. In Rheinland-Pfalz gehe die Registrierung auch dank Hilfe anderer Behörden gut voran, so Detlef Placzek, Leiter des Führungsstabs Flüchtlingshilfe der Landesregierung: „Wir haben den Rückstau bei der Registrierung abgebaut, es geht noch um 700 Flüchtlinge.“

„Wärmezelt wäre toll“

Derzeit kommen Nacht für Nacht rund 500 Flüchtlinge in Rheinland-Pfalz per Bahn und Bus an und müssen rasch registriert werden, teils in Ingelheim, teils auf dem Layenhof. Hier werden sie dann bleiben, bis sie auf die Kommunen verteilt werden können. Das kann aber einige Monate dauern. Bis dahin werden sie in Finthen versorgt, erhalten etwa in der Kleiderkammer einen Einfachsatz aus Jacke, Pulli, Hose, Schuhen, Unterwäsche, Schal. Der Fundus ist reichlich, und wenn etwas fehlt, hilft die zentrale Kleiderkammer des ASB aus. So brachte Frank Crönlein am Morgen schnell noch Decken vorbei und Herrenhosen der Größen S und M.

In zwei Schichten arbeiten rund 50 Ehrenamtliche der IG Layenhof hier, und die Situation ist nicht einfach. Zwar kann der vordere Teil einer Halle genutzt werden, aber bei der Ausgabe stehen Flüchtlinge und Helfer praktisch im Freien – bei nasskalten fünf Grad sehr unangenehm. Dagmar Seitz-Klippel von der Interessengemeinschaft hätte da einen Wunsch: „Ein Wärmezelt wäre toll. Dann müssten die Menschen nicht draußen in der Kälte die Sachen anprobieren.“